Blog des Projekts Sprache. Technik. Netzwerken. - Berufsvorbereitung mit Geflüchteten im Ingenieursbereich

12.12.2018 // 15:44

„Meine Arbeit macht mir jeden Tag Spaß, denn ich unterstütze gerne meine Kollegen!“

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Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte - wir wollen in einer Serie von Interviews mehr über unsere Kursteilnehmer erfahren und haben uns zu einem Gespräch mit Walid getroffen.

Walid ist in Deir ez-Zor im Osten Syriens aufgewachsen und hat in seinem bisherigen Leben bereits sehr viel erlebt. Wir werden mit ihm über seine Ausbildung bei der syrischen Telekom, seine Zeit in Saudi-Arabien und das Ankommen in Deutschland sprechen. Was hat ein Handy-Laden in Riad mit einem Medizintechnik-Spezialisten im Schwarzwald zu tun?

 

Walid, du hast in deinem bisherigen Leben schon in den unterschiedlichsten Ländern gearbeitet und dabei viele unterschiedliche Kulturen kennengelernt. Wie hast du dich denn immer wieder auf die neuen Situationen eingelassen?

Ich nehme viele Dinge im Alltag nicht so ernst und lasse mich deshalb von Schwierigkeiten nicht so sehr mitnehmen. Zum Beispiel mache ich mit vielen meiner Kollegen gerne den ein oder anderen Spaß. So habe ich zu Beginn meiner aktuellen Arbeit einer Kollegin einen Gefallen getan und sie hatte sich daraufhin bei mir bedankt. Ich hatte dann einfach genickt und ihr gesagt: „5 € bitte“. Darauf war sie schockiert und hat mich zur Seite genommen und mir versucht zu erklären, dass es in Deutschland nicht so läuft und man Leute nicht einfach nach Geld fragen darf. Mittlerweile kennt sie meinen Humor und wir haben viel Spaß zusammen.

Du reparierst heute bei der Schölly Fiberoptic GmbH unter anderem medizinische Endoskope die in Krankenhäusern auf der ganzen Welt eingesetzt werden. Wie hast du denn das dafür nötige Wissen erworben?

Nach Abschluss meines Abiturs habe ich bei der syrischen Telekom (Syrian Telecommunication Establishment) mit einer Ausbildung als Telekommunikationstechniker begonnen. Dafür musste ich nach Aleppo umziehen um dort zu studieren. Geboren wurde ich 1983 und ich bin dann mit 15 Jahren für 4 Jahre nach Aleppo gegangen. Von 2002 bis 2011 war ich dann Mitarbeiter bei der Syrischen Telekom in Damaskus und war dort für die Wartung der Stromversorgungssysteme für die Telekommunikation zuständig. In dieser Zeit war ich für Fortbildungen unter anderem in Griechenland und Italien. Außerdem habe ich mir in dieser Zeit meine erste Wohnung in Duma (nordöstlich von Damaskus) gekauft und plante mir dort meinen Lebensmittelpunkt aufzubauen.

Aber dann kam der arabische Frühling mit den darauf folgenden politischen Unruhen in Syrien. War das der Auslöser für deine Flucht?

Unter anderem. Mein Vater musste als Angehöriger der Opposition bereits von 1986 – 1990 in Syrien ins Gefängnis und für ihn war es nach Ausbruch des Bürgerkrieges sehr gefährlich in Syrien zu bleiben. Deshalb war mein Vater 2011 bereits in Saudi-Arabien und hat uns dann aus Angst um unsere Familie gebeten, zu ihm nach Riad zu kommen. Als gut ausgebildeter Ingenieur konnte ich dort schnell einen Job als Projektmanager im „Fiber-to-the-home“-Projekt (FTTH) der Saudi-Arabischen Regierung bekommen, indem wir Glasfaserkabel bis in die Haushalte verlegt haben. Bereits 2012 habe ich in Riad zusammen mit meinem jüngeren Bruder Alaa ein Handy-Reparatur-Geschäft aufgebaut, weil es für ihn schwierig war, in Saudi-Arabien einen Job zu finden.

Wie bist du denn von der Stromversorgung für Telekommunikationsanalgen zu Handys gekommen?

Ich interessiere mich schon immer für elektronische Geräte und ich hatte schon während meiner Zeit in Damaskus für meinen ganzen Freundeskreis alles vom Fernseher, über Handys bis hin zu Waschmaschinen repariert. Ich hatte mir dort auch schon eine kleinere Werkstatt zusammengestellt und schon viel Übung im Umgang mit dem Lötkolben und auch schon Erfahrung mit der Verwendung von Heißluftlötstationen.

Walid, du bist seit 2015 in Deutschland. Was waren denn deine Stationen in Deutschland?

Nach zwei Wochen in Krombach bin ich in die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen gebracht worden, in der ich dann drei Monate gewesen bin. Nach weiteren Stationen in Notzingen, Gundelfingen und Heitersheim habe ich schließlich eine 1-Zimmer Wohnung im Freiburger Stadtteil Haslach gefunden. In diese bin ich dann 2016 zusammen mit meinem Bruder Alaa eingezogen.

Du wohnst also jetzt zusammen mit deinem Bruder in Freiburg. Wie geht es denn dem Rest deiner Familie?

Ich habe eine sehr große Familie. Wir sind insgesamt acht Geschwister, ich habe also fünf Brüder und zwei Schwestern. Mein älterer Bruder arbeitet in Dubai und der Rest meiner Familie lebt nach wie vor in Riad in Saudi-Arabien. Der Zwillingsbruder von Alaa hat im Jemen Bauingenieurswesen studiert, musste dies allerdings wegen der politischen Lage abbrechen und ist nun auch zurück in Saudi-Arabien.

Wie hast du es denn geschafft, dich in Deutschland zurechtfinden?

Nach meiner Ankunft in Deutschland musste ich die ersten beiden Jahre vor allem Deutsch lernen, was mir mit meinen mittlerweile 35 Jahren sehr schwer gefallen ist. Nachdem ich die ersten Schritte geschafft hatte, machte mich ein Freund auf den technischen Sprachkurs von Ingenieure ohne Grenzen aufmerksam. Dort konnte ich mich zum ersten Mal auch wieder mit fachlich anfordernden Dingen beschäftigen. Unter anderem gab es dort einen Praxis-Workshop zum Thema Elektronik indem wir auch unterschiedliche Lötaufgaben durchführen mussten. Einer der anwesenden Ingenieure erkannte zum Glück mein handwerkliches Geschick und vermittelte mir daraufhin ein Praktikum am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme ISE. Dort konnte ich dann für zwei Monate in der Abteilung für Neue Bauelemente und Technologien meine Fertigkeiten beweisen. Da ich bereits sehr viele Erfahrungen durch meine Reparaturen und den Handy-Laden hatte, konnte ich die Kollegen beim Aufbau von Solar-Wechselrichtern überzeugen.

Deine Kollegen am Fraunhofer Institut waren also sehr zufrieden mit dir. Wieso konntest du aber nach dem Praktikum nicht bei ihnen bleiben?

Das Fraunhofer ISE ist ja ein Forschungsinstitut und sie entwickeln immer neue Sachen. Dabei ist es sehr wichtig, sehr genau in der Kommunikation zu sein und dafür war mein Deutsch einfach noch nicht gut genug. Außerdem waren meine bisherigen Erfahrungen ja viel eher auf der praktischen als auf der theoretischen Seite. Ich habe mich deshalb auf die Suche nach einer Stelle in der Industrie gemacht, im speziellen im Aufgabenbereich eines Servicetechnikers mit Lötaufgaben.

Und so bist du dann bei der Schölly Fiberoptic GmbH in Denzlingen bei Freiburg gelandet?

Ja, genau. Es hat zwar einige Monate gedauert, bis ich schließlich etwas gefunden hatte, aber seit diesem Oktober bin ich Vollzeit beim Schölly angestellt. Ich bin dort in der Abteilung, welche für die Aufarbeitung von retournierten Messgeräten wie beispielsweise medizinischen Endoskopen zuständig ist. Bisher waren dort nur sehr wenige Leute mit Erfahrungen im Bereich der Elektronik-Reparatur, weshalb viele Sachen nicht repariert werden konnten und die Produkte entsorgt werden mussten. Durch meine Kenntnisse im Löten können wir nun viele der teuren Geräte reparieren.

Walid, du hast ja erzählt, dass du hier in Freiburg zusammen mit deinem Bruder wohnst. Wie geht es ihm denn?

Vor einigen Monaten haben wir für ihn zum Glück eine eigene Wohnung hier ganz in der Nähe gefunden. Auf die Dauer war die Situation nur ein einziges Zimmer zu  haben für uns schon belastend, wir sind ja schließlich keine Kinder mehr. Er ist immer noch mit den Sprachkursen beschäftigt, letzten Freitag hatte er aber endlich seine B1-Prüfung. Er nimmt aber parallel auch am derzeitigen Deutschkurs von Ingenieure ohne Grenzen teil, den ich ihm natürlich empfohlen habe. Ich hoffe, dass er bald auch ein Praktikum oder eine Arbeitsstelle finden wird.

Das hört sich doch gut an. Ich bedanke mich bei dir für das Interview Walid und wünsche dir und deinem Bruder viel Erfolg in Deutschland!

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