Ihre Spende hilft!

Previous Next

Blog des Projekts Bolivien: Bildung Bleibt

19.11.2017 // 23:49

Zwei Praktikanten und die Schulköchinnen

Previous Next

Sergio und Vincente, beide 20, unterstützen derzeit als Praktikanten unser Projekt Bildung bleibt in Bolivien. Ihre Aufgabe: die Entwicklung einer möglichst nutzerfreundlichen Kochstelle – und zwar für Dorfschulen. Von denen gibt es im Bezirk Micani elf Stück, zusätzlich eine Sekundarschule mit Internat. Täglich bereiten hier entweder angestellte Köchinnen oder (in den kleineren Gemeinden) abwechselnd die Frauen der Gemeinde das Schulfrühstück und Mittagessen für bis zu 60 Schülerinnen und Schüler zu. An den meisten Tagen gibt es Suppe, Nudeln, Kartoffeln und zum Frühstück Milch mit Hafer. Gekocht wird in riesigen Töpfen von einem halben Meter Durchmesser.

Die großen Töpfe sind in zweierlei Hinsicht eine Herausforderung: Aus rein technischer ist das Verhältnis zwischen dem Volumen der Töpfe und damit der zu erwärmenden Masse zur Topfoberfläche auf Grund der Größe problematisch. Das kann man sich wie folgt vorstellen: Vergrößert man den Durchmesser eines Zylinders, so wächst sowohl dessen Oberfläche, wie auch dessen Volumen. Allerdings nimmt die Oberfläche viel schneller zu als das Volumen. Um ein bestimmtes Volumen an Wasser zum Sieden zu bringen, benötigt es eine entsprechende Menge an Wärmeenergie. Die wird jedoch über die Oberfläche des Kochtopfes übertragen. Was nun kompliziert klingt, kennt eigentlich jeder aus der heimischen Küche: Ein großer Topf braucht viel länger bis er kocht, erst recht ein riesiger.

Die zweite Herausforderung ist leichter simpler aber dennoch schwer zu lösen. Wenn für 60 Kinder gekocht wird, wiegt der Suppentopf mitsamt Inhalt häufig bis zu 80 kg. Das ist für die Schulköchinnen und ihre Helfer zu schwer, um ihn aus der Kochstelle nach oben herauszuheben.

Die Herausforderungen erscheinen groß, doch entsprechend groß ist auch der Nutzen, sollte es uns gelingen, gut akzeptierte Schulkochstellen in Micani zu verbreiten: Alleine am Internat werden pro Woche 250 kg Holz für die Zubereitung der Mahlzeiten verbraucht. Die Hälfte davon ließe sich durch effizientere, rauchfreie Kochstellen einsparen. In Deutschland geht ein Team der Ingenieure ohne Grenzen ersteres Problem an und untersucht Möglichkeiten, die Wärmeübertragung an die Töpfe zu optimieren. Sergio und Vincente sollen sich vor Allem der zweiten Herausforderung widmen: Ihre Aufgabe ist es, den Kochprozess zu analysieren und dann eine Kochstelle zu entwerfen, die möglichst den Bedürfnissen der Nutzerinnen entspricht.

Die Problematik kennen beide gut, kommen sie selbst auch aus ländlichen Verhältnissen – Vincente sogar aus derselben Region (Norte de Potosí) in der auch wir arbeiten und spricht die gleiche indigene Sprache wie die Köchinnen. Sergio hingegen kommt aus den tiefer gelegenen Yungas, den Dschungelgebieten in der Nähe der Hauptstadt La Paz. Dort arbeitete er erst einige Jahre unter Tage als Goldsucher, bevor er seine Ausbildung zum Mechaniker an unserer Partnerschule Instituto Tecnológico Sayarinapaj begann.

Einen Tag lang untersuchten die beiden ausgiebig den Kochprozess. Interviews wurden mit den Schulköchinnen geführt. Töpfe wurden vermessen und Speisepläne dokumentiert. Am Schluss steht ein Vorschlag: nicht nur die Kochstelle muss optimiert werden, sondern die ganze Küche. Eine saubere Arbeitsplatte müsse her, damit die Köchinnen das Gemüse nicht auf dem Boden sitzend schneiden müssen, ein Dach als Schutz vor Sonne und Regen wäre angenehmer, eine Wasserleitung mit Waschbecken sollte direkt an den Ort des Kochens gelegt werden und ein sauberer Estrichfußboden mit Abflussrinne müsse her. Und das Problem mit den schweren Kochtöpfen? Ein Hebemechanismus? Eine Kochstelle, die man nach vorne hin öffnen kann? Konstruktiv alles viel zu kompliziert. Die Suppe könne man auch aus dem Topf in der Kochstelle servieren. Die Schwierigkeit liege ausschließlich im Abgießen des Nudel- und Kartoffelwassers. Das kann man durch einen siebartigen Topfeinsatz lösen. Ähnlich wie beim Frittieren in Öl kann man dadurch die Kartoffeln aus dem heißen Wasser heben.

Drei Tage lang arbeiteten Sergio und Vincente an der Musterküche. Dann müssen sie an ihre Schule zurückkehren. Ganz fertig ist die Musterküche Micanis noch nicht, aber die Siebe wollen sie in den kommenden Tagen in den Werkstätten ihrer Schule selbst fertigen. Und auch in Deutschland schreiten die Pläne für eine große Schulkochstelle und einen Prototypenbau voran.

Verfasst von: Christoph Netsch

 

Weitere Blog-Einträge


09.11.2018 // 15:55

Ein neues Kapitel beginnt – „Bildung bleibt“ wird unter Aktion Sodis fortgesetzt

Vier Jahre liegen zurück, da errichteten angehende Techniker der Berufsschule Sayarinapaj die ersten 16 rauchfreien Kochstellen in der Gemeinde Tacacopa, die sie...

Mehr erfahren

16.08.2018 // 13:34

Keine Angst vor dem Wetter: Ernährungssicherheit in Zeiten des Klimawandels

Der Klimawandel entfaltet seine Auswirkungen, die Temperaturen steigen, vermehrt treten gefährliche Dürren und Starkregen auf. Die Wissenschaft sieht den Grund für die...

Mehr erfahren

18.06.2018 // 16:43

Social Entrepreneurship in Micani

UNPROCOM lautet letztlich der Name, auf den sich die sieben Firmengründer geeinigt haben: UNidad de PROducción COMunitaria (Dorfproduktionsstätte). Ein typisch...

Mehr erfahren

28.05.2018 // 21:03

Erprobung neuer Bewässerungssysteme für die Dorfschulen Micanis

Die Woche war durch große Fortschritte in der Projektentwicklung gekennzeichnet. Zu Beginn der Woche erbauten die Schüler gemeinsam mit dem Lehrer einen Prototyp für das...

Mehr erfahren

24.05.2018 // 10:43

Entwicklung von Schulkochstellen in Sicoya

Heute sind wir, Laura und Johanna, mit den Schülern des ITC Kurses zu einer kleinen Grundschule in der Gemeinde Sicoya gefahren, welche ca 15 Minuten von San Pedro de...

Mehr erfahren

29.04.2018 // 17:54

LandwirtschaftsschülerInnen erarbeiten Lösungsansätze gegen Mangelernährung in Micani

Das Instituto Tecnólogico de Sayarinapaj ist einer der langjährigen Projektpartner der Ingenieure ohne Grenzen in Cochabamba. An der Schule wird innerhalb eines...

Mehr erfahren

27.03.2018 // 08:26

"Gute Lehre" - Didaktikworkshops mit Berufsschullehrern...

Gastbeitrag Theresa Rinnert In den vergangenen Wochen durfte ich - als Anwärterin auf ein Lehramt der Fächer Spanisch und Geschichte - in Zusammenarbeit mit der NGO...

Mehr erfahren

07.02.2018 // 13:54

Ingenieure ohne Grenzen gewinnt TedX-Vorentscheidung

Im Juni 2018 findet in Aachen ein TEDx Event statt. TED - das steht für Technologie, Entertainment und Design. Bei...

Mehr erfahren

18.01.2018 // 14:35

Evaluierung leicht gemacht

Es ist nun schon mehr als ein Jahr her, dass wir gemeinsam mit unserem bolivianischen Partner, der Fundación Sodis, das Projekt Micani sin Humo (Rauchfreies Micani) ins...

Mehr erfahren

06.12.2017 // 10:51

Die Schere zwischen (Wasser-)arm und reich

Fünf ältere Männer sitzen am Rande der holprigen Einfahrtsstraße des Ortes Micani. Einer schnippt Steine die staubige Straße entlang. Alle fünf kauen langsam Kokablätter...

Mehr erfahren

08.11.2017 // 18:21

21 Visionen für Micani

„Manchmal denke ich mir: Wäre es nicht schön, wenn die Leute aus Chile auf der Suche nach Arbeit hierher kämen, um auf meiner Hacienda und in meinem Stall zu arbeiten...

Mehr erfahren

03.11.2017 // 15:44

Yachaqkuna (die, die Bescheid wissen) – die Ausbildung von LokalexpertInnen

„Was macht denn einen Experten aus?“ Das war die Frage, die wir uns stellten, als wir gemeinsam mit unserem Partner Sodis begannen die Ausbildungsreihe für unsere...

Mehr erfahren