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Blog des Projekts Bolivien: Bildung Bleibt

03.11.2017 // 15:44

Yachaqkuna (die, die Bescheid wissen) – die Ausbildung von LokalexpertInnen

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„Was macht denn einen Experten aus?“ Das war die Frage, die wir uns stellten, als wir gemeinsam mit unserem Partner Sodis begannen die Ausbildungsreihe für unsere sogenannten „LokalexpertInnen“ zu entwickeln. LokalexpertInnen – das sind Frauen und Männer aus fast allen Gemeinden Micanis, die unsere Arbeit selbst in die entlegensten Bergdörfer der Region tragen sollen. Sie stammen selbst aus den Gemeinden und haben sich freiwillig gemeldet dieses Amt zu übernehmen, um ihre Gemeinden von innen heraus weiterzuentwickeln.

Wir stellen fest: um „Experte“ zu sein reicht es nicht nur das nötige Wissen zu haben, wie beispielsweise eine rauchfreie Kochstelle aufgebaut ist oder welche Maßnahmen notwendig sind, um in der eigenen Gemeinde eine bessere Hygiene- und Gesundheitssituation zu schaffen. Auch die Umsetzungskompetenz, also die Fähigkeit und Erfahrung wie man diese verschiedenen Maßnahmen in der Praxis implementiert, reicht noch nicht aus. Für einen echten „Experten“ bzw. eine „Expertin“ braucht es noch zwei weitere Zutaten: das Selbstbild und die Überzeugung.

Selbstbild ist das Gefühl tatsächlich ein „Experte“ zu sein. Das impliziert ein starkes Selbstvertrauen in die Qualität der eigenen Arbeit und des eigenen Wissens. Zudem bedeutet es, dass man vor fremden Aufgaben nicht zurückschreckt und den Mut hat bei der Konfrontation mit neuen Herausforderungen auch einmal zu improvisieren und das bereits vorhandene Wissen dem veränderten Kontext anzupassen. Zu häufig erleben wir hier nämlich wie Menschen vor Aufgaben zurückschrecken, denen sie eigentlich gewachsen sind: So hören wir beispielsweise an einem Tag in Micani von Don Bladimir, einem der Repräsentanten der Gemeinde, die Klage das Leben wäre doch so viel einfacher, wenn man eigene Ställe hätte. Dann müsse man nachts nicht mehr bei dem Vieh schlafen, um es vor den Füchsen zu schützen. Gemeinsam gehen wir die Anforderungen an einen Stall durch und kommen letztlich zu dem Schluss: Alle handwerklichen Fertigkeiten für den Bau eines Stalls sind vorhanden, schließlich baue man ja auch selbst Häuser und auch die Materialien sind allesamt lokal selbst herstellbar. Nur an dem mangelnden Selbstbewusstsein der neuartigen Aufgabe gewachsen zu sein mangelt es scheinbar.

Überzeugung wiederum ist das Gefühl mit der eigenen Arbeit eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. Das ist essentiell, denn nur wenn man voll und ganz von der Wirkung von rauchfreien Kochstellen, Trenntoiletten und Händewaschen zur Vermeidung von Krankheitsfällen überzeugt ist, wird man auch wiederum die eigene Gemeinde von deren Nutzen überzeugen können.

Hierin liegt letztlich die Herausforderung unserer Workshopserie, die mit unserer Ausreise angestoßen wurde: neben den relativ greifbaren technischen Kompetenzen im Bau von Kochstellen, Trenntoiletten und weiteren angepassten Technologien sollen die beiden weicheren Faktoren Selbstbild und Überzeugung gleichermaßen vermittelt werden. Rückblickend auf den Erfolg der Ausbildung von Berufsschülern in den letzten Jahren, ist uns das unserer Ansicht nach bereits in dem Projekt „Bildung bleibt“ gelungen. Vor Allem nach der gemeinsamen Implementierung mit den Schülern erleben wir viel Enthusiasmus für die implementierte Technologie und aus den Berichten der Schüler spricht einen großen Stolz der Gemeinde geholfen haben zu können. Dieses Modell gilt es nun der Erwachsenenbildung im Rahmen des Projekts „Micani sin Humo“ anzupassen. Ähnlich wie im Lehrgang an den Berufsschulen soll daher der LokalexpertInnen-Workshop in einem situativen Kontext stattfinden, sprich: die Lernenden sollen das erlernte Wissen unmittelbar in einem konkreten Projekt praktisch umsetzen. Als Gemeinde hierfür dient der Schulungsort Micani, ein größeres Dorf mit ungefähr 50 Familien.

Das erste Modul unserer Workshopserie findet diese Woche statt. Es ist Dienstag und im Laufe des Vormittags erscheinen nach und nach die Kursteilnehmenden am Schulungszentrum der örtlichen Sekundarschule. Einige kommen aus Micani selbst, andere hingegen sind bis zu sechs Stunden gewandert. Am Mittag sind es 21 Teilnehmende. Für die nächsten 4 Tage stehen die Führungsrolle einer Gemeinde, der Bau und die Reparatur von rauchfreien Kochstellen und die Aufklärungsarbeit in den Gemeinden auf dem Lehrplan. Mit partizipativen Lehrmethoden des kooperativen Lernens wollen wir die Teilnehmenden zu einer möglichst aktiven Mitarbeit anspornen. Das Erarbeiten eigener Lösungsansätze und die Interaktion zwischen den Teilnehmenden führt dazu, dass sie die gelernten Inhalte häufig und auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen wiederholen – praktisch wie auch theoretisch. Wichtig ist es dabei, die Lernenden bei ihrem bisherigen Kenntnisstand „abzuholen“. Wir sind zwar glücklich, dass die meisten Anwesenden lesen und schreiben können, allerdings beobachten wir auch, dass dies vielen doch sehr schwer fällt. Daher setzen wir bei den theoretischen Lehreinheiten lieber auf grafische Methoden, bei denen jeder die Möglichkeit hat sich gleich stark einzubringen. Viele haben schon seit Jahrzehnten keinen formalen Unterricht mehr genossen. Dementsprechend kurz sind die Konzentrationsspannen. Das Lernen will schließlich auch gelernt sein. Der Unterricht muss dementsprechend abwechslungsreich in kurzen Intervallen gestaltet werden. Zur Auflockerung werden hin und wieder spielerische Übungen zur Erzeugung von Gruppendynamik eingebaut.

Im Mittelpunkt des ersten Moduls steht das erstmalige Bauen von rauchfreien Kochstellen. In vier Gruppen errichten die Teilnehmenden jeweils für eine Familie eine neue Kochstelle. Wir nehmen uns vor, sie dabei noch relativ stark anzuleiten, sind am Ende jedoch positiv überrascht, wie selbstgesteuert die Arbeit bereits läuft. Das Ergebnis bedarf nur weniger Korrekturen und zum Ende des dritten Tages stehen vier neue Kochstellen in Micani – mitunter die Besten, die im Rahmen unseres Projektes entstanden sind. Mit viel Liebe zum Detail waren sie noch nach Feierabend mit einer makellosen Schicht Lehmputz überzogen worden.

Am letzten Tag wird gemeinsam gekocht. Zwei Ziegen werden für das Festmahl geschlachtet und man lernt die Kochstellen auf diese Weise zu bedienen. Die Stimmung ist entspannt und viele Nachbarinnen und Nachbarn schauen vorbei um mitzuessen und sich die neuen Kochstellen anzusehen. Das Ganze steht unter einem weiteren Vorzeichen, und zwar dem der Aufklärungsarbeit. Schließlich ist es eine Voraussetzung für die künftige Arbeit der ExpertInnen, dass sich die Familien in ihren Gemeinden der Gefahren der Rauchbelastung bewusst sind und sich tatsächlich auch dafür entscheiden eine neue Kochstelle in ihrem Haushalt errichten zu wollen. Als Übungsobjekt dient wieder Micani und die Aufgabe für die Kursteilnehmenden besteht darin jeweils eine Familie zu finden, die im Rahmen des kommenden Kursmoduls eine eigene Kochstelle errichten will. Das dient der Vertiefung des im vorherigen Moduls erlernten Wissens. Tatsächlich haben sich am Ende des Tages 24 Familien in die Liste eingetragen. Es wird in drei Wochen also reichlich zu tun geben.

Als Aussicht für die nächsten Wochen werden noch weitere Workshopmodule unter den ExpertInnen diskutiert. Die Pläne sind groß, man ist sich einig: Mit Kochstellen, Wasserfiltern und Trenntoiletten soll der Weg nicht enden. Viele andere Themen möchten die ExpertInnen noch lernen, zum Beispiel wie man die Kaminrohre selber schweißt. Bevor man sich verabschiedet, wird noch die Kochstelle getauft: „Cocina ecológica“ wird sie heißen, angesichts ihrer Eigenschaft Brennholz zu sparen. Und dann sollen die LokalexpertInnen sich und ihrer Arbeit selbst einen Namen geben. Auf Begeisterung stößt der Vorschlag „Yachaqkuna“. Das bedeutet auf Quechua so viel wie „diejenigen, die Bescheid wissen.“ Genau das ist das Selbstbild, das wir uns wünschen. 

 

Verfasser: Christoph Netsch

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