Blog des Projekts Sprache. Technik. Netzwerken. - Berufsvorbereitung mit Geflüchteten im Ingenieursbereich

15.12.2016 // 10:58

"Ich bin jetzt sehr glücklich in Deutschland, hier bin ich sicher."

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Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte - wir wollten mehr über unsere Kursteilnehmer erfahren und haben uns zu einem Gespräch mit Souaad getroffen. Souaad stammt aus der schwer zerbombten Stadt Homs in Syrien und kam vor über einem Jahr nach Deutschland. Sie erzählte uns von ihrer gefährlichen Fahrt mit dem Schlauchboot, der Weiterreise über den Balkan und ihren ersten Tagen im Flüchtlingsheim in Deutschland. Lesen Sie hier das ganze Interview:

 

Souaad, du bist vor einem Jahr nach Deutschland gekommen und hast vorher in Homs in Syrien gelebt. Wie sah dein Alltag in Syrien aus, bevor der Krieg begonnen hat und wie hat sich dein Leben verändert?

Vor 6 Jahre hatte ich einen ganz normalen Alltag. Ich bin zur Schule gegangen. Ich lebte mit meiner Familie, mit meiner Mutter, meinem Vater und meinen beiden jüngeren Geschwistern in einer Wohnung.

In den Jahren während des Krieges sind wir zwei Mal umgezogen. Meine Mutter ist als erste alleine geflohen. Wir haben in der Zeit viele Freunde und Verwandte verloren. Im letzten Jahr vor meiner Flucht wurde es zu gefährlich für mich nach Homs zur Universität zu fahren. Ich hatte in Syrien „Communication and Electronic Engineering“ studiert.  Ich bin Christin und wir haben gemeinsam mit der Kirche vielen Flüchtlingen geholfen. Aber irgendwann wurde es mir zu viel und ich bin alleine weggegangen.

Wie bist du nach Deutschland gekommen?

Ich habe gleich zu Beginn meiner Flucht zufällig meinen Cousin getroffen. Wir haben uns mit einer Gruppe von ca. 20 christlichen jungen Männern zusammen getan und waren die ganze Zeit zusammen.  Zunächst sind wir von Syrien mit dem Bus in den Libanon gefahren, anschließend mit dem Zug in die Türkei. Von hier aus mussten wir mit dem Schlauchboot auf die griechische Insel Kos übersetzten. Um 3:00 Uhr morgens starteten wir vom Strand. Das Schlauchboot war für 30 Personen geeignet, an Bord waren aber 55 Menschen, viele Kinder und ältere Frauen und viele verschiedene Religionen. Wir mussten das Schlauchboot selbst fahren. Uns wurde nur erklärt, wie es fährt und die Fahrrichtung gezeigt. Wir fuhren los, aber schon nach 30 Minuten ging der Motor aus. Es waren einfach zu viele Menschen auf dem Boot. Zusätzlich drang Wasser ein, das Schlauboot hatte ein Loch. Es brach Panik aus. Die Menschen schrien. Ein Mann sprang ins Wasser, um an Land zu schwimmen.  Jeder hatte Todesangst. Aber nach einer Weile wurde es ruhiger, die Menschen fingen an zu beten, jeder in seiner Sprache. Nach vier langen Stunden hat uns ein Boot der griechischen Polizei gefunden und nach Kos gebracht, um 8.00 Uhr erreichten wir die Insel.

Und wie ging es dann weiter?

Nachdem wir das Festland erreicht hatten, ging die Reise über den Balkan weiter. Wir hatten das Glück, dass wir häufig ein kleines Stück mit dem Auto fahren konnten. Die Grenzen mussten wir allerdings nachts zu Fuß überqueren, da wir kein Visum hatten. Wir hatten Angst, es war gefährlich. Ich habe mich auch vor den wilden Tieren nachts im Wald gefürchtet. Aber ich hatte immer die Hoffnung, dass ich mein Ziel erreiche und die Chance bekomme, bei meiner Mutter in einem sicheren Land zu leben. Nach 15 Tagen hatten wir es dann geschafft und sind in Deutschland angekommen.

Wie wurdest du in Deutschland aufgenommen und wo lebst du jetzt?

Ich dachte, wenn ich erst in Deutschland bin, wird es vom ersten Tag an super, aber es war leider sehr schwierig. Unsere Gruppe wurde getrennt. Jeder kam in ein anderes Flüchtlingsheim. Ich war ganz allein. Die ersten Tage war ich in Karlsruhe und es war schrecklich. Ich durfte nicht zu meiner Mutter. Ich musste viele Papiere ausfüllen und sollte warten. Das Flüchtlingsheim war wahnsinnig voll und es war chaotisch, ich war schockiert. Die anderen Flüchtlinge waren nicht freundlich zu mir. Ich wurde beschimpft und bekam Angst, ich fühlte mich nicht sicher. Ich musste mir ein Zimmer mit einer anderen Familie teilen, die so unfreundlich zu mir waren, dass ich es nicht ausgehalten habe und zwei Nächte im Garten des Flüchtlingsheims schlief. Es war September und nachts schon kühl. Anschließend verbrachte ich noch eine weitere Woche in einem anderen Flüchtlingsheim, bevor ich nach Freiburg kam und endlich zu meiner Mutter konnte.

Wie ist dein Leben heute in Deutschland? Konnte dir der technische Deutschkurs von Ingenieure ohne Grenzen helfen?

Ich lebe mittlerweile seit über einem Jahr in Deutschland und bin sehr froh hier zu sein. Ich konnte im Herbst mit einem Einstiegssemester in der Hochschule in Offenburg beginnen. Das ist ein extra Programm, bei dem ich die Fächer Mathematik, Technische Mechanik und IT noch mal wiederhole. Zur Vorbereitung hatte ich im Sommer den technischen Deutschkurs von Ingenieure ohne Grenzen besucht. Der Kurs hat mir sehr geholfen, weil ich hier die technischen Begriffe schon lernen konnte, die ich jetzt im Studium brauche. Ich treffe mich auch heute noch regelmäßig mit Mitgliedern aus der Regionalgruppe und wir gehen zusammen aus oder kochen gemeinsam. Ich würde mich auch gerne bei Ingenieure ohne Grenzen engagieren, aber leider habe ich im Moment dafür keine Zeit. Ich besuche morgens um 8.00 Uhr den Deutsch Sprachkurs und fahre mittags mit der Bahn zur Uni in Offenburg. Hier lerne ich häufig noch in der Bibliothek und besuche Vorlesungen. Anschließend fahre ich mit dem Zug wieder nach Freiburg und bin dann meistens erst gegen 22:00 Uhr zu Hause. Freitags habe ich zurzeit noch frei, aber ich habe einen Arbeitsvertrag beim Flüchtlingsheim unterschrieben und werde in Zukunft freitags für drei Stunden bei einem Frauentreffen Deutsch unterrichten. Ich bin jetzt sehr glücklich in Deutschland, hier bin ich sicher.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Nach dem Ende meines Studiums möchte ich entweder an der Uni bleiben und strebe eine Professur im Ingenieurwesen an, oder ich kann mir auch sehr gut vorstellen in einer Firma im Bereich Elektrotechnik zu arbeiten. Ich freue mich auf eine bessere Zukunft.

 

Wir bedanken uns bei Souaad für das Interview und wünschen ihr alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft!

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