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Blog des Projekts Bolivien: Bildung Bleibt

06.12.2017 // 10:51

Die Schere zwischen (Wasser-)arm und reich

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Fünf ältere Männer sitzen am Rande der holprigen Einfahrtsstraße des Ortes Micani. Einer schnippt Steine die staubige Straße entlang. Alle fünf kauen langsam Kokablätter und schauen in die Ferne – ein typisches Bild in dem 58 Familien-Dorf. Einer der Männer, Bladimir, ein Lehrer an der örtlichen Sekundarschule, meint stirnrunzelnd: Man sei besorgt. Noch immer habe es nicht geregnet, dabei hätten die Regenfälle schon vor Wochen beginnen müssen. Er wendet sich dem Berg oberhalb Micanis zu und deutet auf seine Knie. So hoch müsse der Mais, den man dort oben pflanzt, eigentlich schon sein. In diesem Jahr hätten sich viele Bauern auf Grund des ausbleibenden Regens aber noch nicht einmal getraut auszusähen. Dabei sei die Ernte schon vorletztes Jahr schlecht für die Bauern der Region ausgefallen.

Prognosen, leider aber auch Beobachtungen, deuten darauf hin, dass Bolivien eines der Länder ist, welches vom Klimawandel am stärksten betroffen sein wird. Ganz untypische Wetterphänomene konnten in den vergangenen Jahren im Land mit scheinbar zunehmender Häufigkeit beobachtet werden. In La Paz haben die Regenfälle in diesem Jahr viel früher und intensiver begonnen als gewohnt. Zeitgleich warten aber die Bauern Micanis bisher noch vergeblich auf die anbrechende Regenzeit.

Mit welcher Bedeutung der Rohstoff Wasser unser ganzes Leben bestimmt, merken wir Deutsche erst, als wir uns an die tägliche Rationierung des Wassers, manchmal auch das Ausfallen des Wassersystems über mehrere Tage, gewöhnen müssen. Duschen, waschen, kochen, spülen, putzen – es gibt keine Stunde im Tagesablauf, wo Wasser nicht essentiell ist. Mit einer noch viel größeren Deutlichkeit erleben wir das in dieser Woche in Bolivien. Uns erlaubt der noch ausbleibende Regen die vier entlegensten Gemeinden des Distrikts Micanis zu besuchen – Llavini, Ulupiquiri, Lup‘imarca und Mamania. Normalerweise wären sie durch die hohen Wasserstände der Flüsse zu dieser Jahreszeit bis Ende Februar nicht mehr zu erreichen. Das Ziel der Besuche ist eine umfassende Bedarfsanalyse der repräsentativ ausgewählten Gemeinden und ihrer jeweiligen Dorfschulen zu erarbeiten, denn die bislang erreichten Teilziele in unserem Projekt motivieren uns, unsere Strategie weiterzuentwickeln und die Einflusssphäre unserer Arbeit zu erweitern. Gemeinsam mit unserem Partner, der Fundación Sodis, möchten wir unseren Fokus nun auch auf Dorfschulen, wie diejenigen in diesen entlegenen Gemeinden richten.

Das Vorgehen ist in jeder Gemeinde ähnlich. Mittels sogenannter PRA-Methoden (englisch: participatory rural appraisal) zeichnen wir gemeinsam mit den Bewohnern der Gemeinde, aufgeteilt in drei Gruppen – Frauen, Männer und Kinder, ein Bild der Situation in der Gemeinde. Die Methoden sind grafisch und somit für jeden Bildungsstand geeignet. Beispielsweise zeichnet man mit den Teilnehmenden eine Karte der Gemeinde einschließlich Wasserstellen, -Leitungen, Laufwegen zum Wasser holen und Holz sammeln, Bereichen zunehmender Entwaldung und Erosion, … Oder man zeichnet in einem großen Kalender alle wichtigen Aktivitäten des eigenen Lebens auf: die Aussaat, die Ernte, Feste, der Verkauf von Getreide und Vieh, aber auch Zeiten in denen Wassermangel und -Reichtum herrschen, sowie Zeiten in denen die Ernährung als reichhaltig bzw. als besonders eintönig, gar knapp empfunden wird. Erst zum Schluss werden die Teilnehmenden ganz konkret nach Problemen und Potenzialen in der Gemeinde gefragt. Diese Selbstanalyse und die Diskussionen der Teilnehmenden bieten eine Fülle an Informationen über die Realität in der Gemeinde, die durch die Analyse durch Außenstehende niemals zu erfassen wäre.

Für uns lag vorab die Vermutung nahe, dass sich innerhalb des Distrikts die Beobachtungen aus einer Gemeinde in den weiteren Gemeinden wiederholen und bestätigen würden. Allerdings ist die erste Erkenntnis der Exkursion: Keine zwei Gemeinden sind auch nur annähernd gleich. Ökonomischer Wohlstand, Selbstorganisation, Bildung und die Rolle der Frau sind allesamt Faktoren, die sich massiv zwischen Gemeinden unterscheiden, die per Luftlinie nur wenige Kilometer voneinander entfernt sind.

Stark ausgeprägt ist der Kontrast zwischen den beiden Gemeinden Llavini und Lup‘imarca. Beim Eintreffen der Bewohner Llavinis an der Dorfschule fällt auf, wie mangelernährt der überwiegende Teil der Bevölkerung erscheint: Fast alle Anwesenden über 50 Jahre haben stark vergrößerte Knie- und Ellenbogengelenke und wirken ganz versteift in ihren Bewegungen. Ein Kind und eine Frau haben einen stark aufgeblähten Bauch, häufig ein Zeichen für Eiweißmangel. Beim Zeichnen des Kalenders geben die Teilnehmer an sich bis zu zehn Monate im Jahr ausschließlich von Mais und Weizen zu ernähren. In zwei Monaten reduziere man sogar die Größe der Portionen um ein Viertel. Gemüse gebe es ausschließlich im März und April. Es fehle fast überall in der Gemeinde an Wasser. Bis zu drei Stunden täglich verbringe man mit Wasser besorgen. Wir sind erschrocken: Selbst im Kontext Micanis, dem strukturschwächsten Bezirk Boliviens, sind das ganz extreme Ausprägungen der Armut.

Lup‘imarca hebt sich als eine grüne Oase zwischen den roten Felsen eines Berges hervor. An vielen Orten sprudelt Wasser aus dem Berg heraus. Die Bauern pflanzen neben dem omnipräsenten Mais und Weizen auch Kartoffeln, verschiedene Bohnensorten, Erbsen, Quinoa, Oca und verschiedene Gemüsesorten an. Bei unserem Eintreffen wird an der Dorfschule gerade eine reichhaltige Mahlzeit mit Linsen, Reis und Käse serviert. Im Gegensatz zu den Verschlägen der zuvor besuchten Gemeinde wirken die Häuser gut gebaut, die Wege sind ausgebaut. Im Workshop zeigt sich: Fast alle sind des Schreibens mächtig. Auch die Kinder der Dorfschule schreiben ausgesprochen gut für ihr Alter und sind beim Zeichnen viel kreativer als in anderen Gemeinden beobachtet. Im Gegensatz zu mancher anderen Gemeinde, wo Kinder nach der Schule häufig Holz sammeln, Wasser holen oder das Vieh hüten, geben sie an nachmittags zu spielen. Obwohl Lup’imarca von allen besuchten Gemeinden am schlechtesten an die restliche Zivilisation angebunden ist, sprechen überraschend viele ein relativ gutes Spanisch. Selbstverständlich sieht man auch in Lup’imarca Verbesserungspotenziale: die Entwaldung müsse eingedämmt werden, Frauen beklagen sich über den Rauch der Kochfeuer und der Kerosinlampen und eine Straße müsse her. Es lohne sich aktuell nicht große Mengen an Gemüse zu pflanzen, denn man habe keine Wege die Produkte vor ihrem Verderben zu den Märkten zu bringen.

Glücklicherweise wirken diese Sorgen nicht derart existentieller Natur wie andernorts. Wasser ist in Micani zwar nirgendwo im Überfluss vorhanden, doch vor Allem ist es ungleich verteilt. Ob Wasser alleine der Grund für den relativen Wohlstand Lup’imarcas ist, ist noch unklar. Unsere zweite Erkenntnis der Reise steht allerdings fest: Wasser, wirtschaftlicher Wohlstand und Lebensqualität stehen in einem ganz engen Zusammenhang.

 

Verfasser: Christoph Netsch

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